Erlebnisbericht von Jana: Mein „Wellnessurlaub“ im Ötztal
Karsten hatte für sich eine Radsporttrainingswoche mit Wolfgang Fasching geplant. Da er ja am Ötztaler Radmarathon teilnehmen möchte, wollte er darauf sehr gut vorbereitet sein.
So, wie bekomme ich nun Jana bloß mit? „Na klar, mit Wellness!“, waren Karsten's Gedanken. Wie gedacht so getan. Nun machte er mir diese Woche mit Bildern von der Wellness-Anlage schmackhaft. Und was ein ganz großer Pluspunkt war, dass Wolfgang Fasching diese Woche mit dabei war. Wir sind ganz große Fans von ihm und haben seine Bücher gelesen. Mit seiner Hilfe habe ich meinen ersten Pass auf dem Rad in den Pyreneen geschafft.
Na ja, eine Woche Wellness und abends Vorträge, da hatte ich nun doch Lust mitzukommen. Ich hatte gelesen, dass das Hotel „Alpina“ in Sölden für die Begleiter Wandern anbietet. Nun meine Wanderschuhe eingepackt, Karsten sein Rad und ab ging es ins Ötztal nach Österreich.
Zum Schluss ging es mit der Bahn zurück nach Sölden. Mein kleines Herz hatte einfach keine Pause. Heute hatten wir 950hm zu überwinden. Also das ist schon ganz schön ordentlich und selbst Karsten war beeindruckt.
Bei Karsten begann das Training erst am Montag und so planten wir zusammen am Sonntag wandern zu gehen. Ich hatte mich den Rest der Woche für die sportliche Gruppe angemeldet, Ausdauer hatte ich ja. Da ich mich am 01.08.2009 am Nürburgring für den 10km-Lauf angemeldet hatte, wollte ich diese Woche auch zum Trainieren nutzen.
2.Tag
Heute am Montag ging es bei mir um 9 Uhr los. Wir fuhren mit der Gaislachkogelbahn bis zur Mittelstation. Das war für mich schon Adrenalin pur. Oben angekommen ging es mit einem angenehmen Tempo -da hat Florian schon aufgepasst- erst mal 600hm bis zum Gaislachsee.
Dank der sogenannten „Guck-Pausen“(kleine Pausen zum Umschauen und zur Höhenanpassung), hatte ich mich schnell an die Höhe gewöhnt. Ich hatte meinen Blick konzentriert auf dem Boden und auf einmal, ich war so fasziniert, da lag der See vor uns. Unglaublich. Und Schnee lag dort. Ich war überwältigt!
Hier gab es dann eine deftige Jause in der wunderschönen Natur am See und dann begann ein sehr schmaler, steiler Aufstieg auf 3058m. Puh, geschafft. Noch schnell meinen Stempel abholen und dann hatten wir Zeit die tolle Aussicht von hier oben zu genießen. Einfach nur irre!
4.Tag
An unserem 4. Tag ging es für mich um 8:30 Uhr mit dem Bus nach Umhausen. Von dort aus gingen wir über den Walweg hinauf zum Stuibenfall. So etwas habe ich noch nie gesehen, der echte Wahnsinn! Oben am Wasserfall ging es wieder über eine Hängebrücke und auf einmal hatte ich überhaupt keine Angst mehr. Ich konnte sogar herunter gucken. War das ein tolles Gefühl. Oben in der Hütte in Bichel gab es dann Käsespätzle und ein kühles Hefeweizen. Das tat gut.
3.Tag
Heute ist meine Königsetappe und ich war schon ziemlich aufgeregt. Es stehen ca. 20km in sieben Stunden Gehzeit auf unserem Programm. Mit dem Bus sind wir nach Vent gefahren und ihr glaubt es nicht, ich Noch-Angsthase rauf auf den Doppelsessellift nach Stablein. Und dann ging die tolle Wanderung über die Breslauer Hütte zur Vernagthütte. Es ging durch Schnee und an einer Stelle gab es keinen Weg mehr, nur ein Stahlseil im Felsen. Da haben wir uns langgehangelt. Ich habe mich hier echt gefragt: „Was mache ich hier?“. Aber das war noch nicht alles, nach ca. sechseinhalb Stunden strammen Wanderns, mussten wir noch über eine Hängebrücke. Oh man, was hatte ich für eine Angst. Nun hieß es nur noch Augen zu und durch. Erschöpft aber überglücklich bin ich im Hotel angekommen, Karsten hatte schon auf mich gewartet.
Schnell duschen, essen und dann gab es ja noch den Vortrag von Wolfgang Fasching. Nachdem ich mir mein Buch von ihm signieren ließ, ging es auch schon los. Er zeigte uns Bilder von seinen Bergwanderungen und vom Race Across Amerika. Ich habe sehr aufmerksam zugehört. Nach dem Vortrag hatte er sich noch zu uns an die Bar gesetzt und wir haben schön erzählt. Und wieder ging eine wunderschöner und ereignisreicher Tag zu Ende!
1.Tag
An unserem ersten Wandertag ging es von Zwieselstein über die Gaislachalm zum Gasthof „Silbertal“ und über den Innerwald ging es zurück nach Sölden. Es waren rund 10km und ca. 600hm, die wir absolvierten. Ich hatte am ersten Tag noch mit der Höhe zu kämpfen, da ich ziemliche Höhenangst habe, heute kann ich sagen: „hatte“.
Florian, mein Guide, hatte mir eine Sammelkarte gegeben. Nun hatte ich ein Ziel, Stempel für meine Wandernadel zu sammeln.
Unsere gemeinsame Wanderung hat uns viel Spaß gemacht und abends hatten wir noch Zeit in die Sauna zu gehen. Dort bekam ich eine Massage, das tat gut. Na, so lasse ich mir meinen Wellnessurlaub doch gefallen.















Nach insgesamt fünf Stunden Wanderzeit, ca. 13km und 650hm, ging es mit dem Bus zurück nach Sölden. Karsten hatte heute mit seinen Radkollegen in einem anderen Hotel übernachtet und ich wurde von Florian überredet doch mit zum Hüttenabend zu kommen. Es war ein schöner Abend, wir wurden mit Musik und Sekt oben in Obersölden empfangen. Es gab ein tolles Buffet und Live-Musik. Florian konnte heute nicht mit mir tanzen. Da er in der Küche mit half, tanzte ich mit einem Ehepaar aus Belgien. Es war ein sehr uriger Abend.
5.Tag
Nach einem tollen Frühstück fuhren wir mit dem Bus zum Tiefenbachgletscher. Ich hatte schon ziemlichen Respekt vor der heutigen Tour. Florian erzählte uns zum Anfang noch einiges Interessantes über den Gletscher.

Toni, ein anderer Bergführer ging vorran. Florian blieb immer in meiner Nähe. Er gab schließlich Karsten das Versprechen gut auf mich aufzupassen. Allerdings war unser Tempo am Anfang zu schnell. Wir machten auch keine „Guck-Pausen“, welche mir ansonsten zur Höhenanpassung sehr geholfen hatten.
Nun kam es dazu, dass wir auf einem Brett ein stark strömendes Gewässer überquerten, was normalerweise kein Problem für mich darstellte. Durch die anfänglichen Bedingungen jedoch, stellte sich dieses Hindernis schnell als ein unüberwindbares Problem für mich dar. Ich fing an zu hyperventilieren. Florian erkannte die Situation sofort, eilte zu mir und nahm mich zur Seite, wobei er mit beruhigenden Worten auf mich einsprach. Mit Hilfe von Atemübungen erholte ich mich langsam von dem Schrecken. Zudem fing ich fürchterlich an zu weinen. Florian meinte, dies würde der Schreck sein und sei ganz normal. Ich sah immer dieses Bild vor mir und fing wieder an zu weinen.
Florian versuchte mich immer wieder abzulenken und ich brauchte ein paar Stunden um wieder meinen Wanderrythmus zu finden. So entstand auch das „Bild des Tages“, wie er es nannte.
Karsten hatte heute seine Königsetappe mit 190km und 3150hm. Bei unserem gemeinsamen Abendessen erzählten mir die Jungs von ihren Erlebnissen. Wir waren alle erschöpft aber glücklich.
Er meinte auch, wenn ich jetzt falle, falle ich weich, denn ca. 30m unter uns stand ein Schaf. Na das lachen klappte ja schon wieder. Nach ungefähr 4 Stunden Gehzeit bergab,bei starker Hitze kamen wir glücklich in Vent an. Da wir noch Zeit hatten setzten wir uns noch gemütlich in einen Biergarten. Oh, so ein tolles, kühles Bier nach so einem Tag! Das tat sehr gut! Im Hotel angekommen, erzählte ich Karsten von meinem Erlebnis. Er meinte: „Jana, du sollst im Urlaub doch nicht weinen.“ Klar, er hatte ja recht, aber da war in diesem Moment solch ein Gefühlschaos in mir, so dass meine Tränen einfach herauskommen mussten.


Nach dem Essen gingen Karsten, Rico und ich noch an die Bar um unser verdientes Hefeweizen zu trinken. Wir erzählten uns von unseren früheren Radgeschichten, auch vom 24h-Rennen auf dem Nürburgring. Rico hörte uns dabei aufmerksam zu, denn er hatte selbst vor es dieses Jahr zu fahren. Es war unser letzter gemeinsamer Abend, das Bier schmeckte und wir drei hatten so viel zu lachen. Und so ging ein weiterer erlebnisreicher Tag zu Ende. Ich dachte ich wäre heute an meine Grenzen gestoßen, was aber ein Irrtum war. Morgen sollte ich erfahren, da geht noch was!
6.Tag
An meinem letzten Wandertag traf sich unsere kleine Gruppe schon um kurz nach 8Uhr. Wir fuhren mit dem Taxi bis zum Fiegl's Gasthaus (1965hm) ins Windachtal. Durch das Gaiskar wollten wir heute zur Hildesheimer Hütte wandern. In meiner Beschreibung stand „steiler Anstieg!!“. Klar fragte ich schon vor ein paar Tagen Florian, er meinte nur „Quatsch, das schaffst du schon!“ Und so war ich heute guter Dinge. Ich glaubte ja was ich gestern erlebt hatte, war nicht mehr zu toppen. Das zu glauben war ein großer Irrtum, was sich ein paar Stunden später zeigte. Florian ging mit seinem ruhigen Tempo vorne weg. Ich ging als letzte und fühlte mich dort sehr wohl. Wir machten unsere „Guck-Pausen“ und sahen viele Murmeltiere.
Florian erkundigte sich oft bei mir, ob alles in Ordnung sei. Ich antwortete „Logisch“ (wenn Florian das hier liest wird er sicherlich schmunzeln). Wir stiefelten weiter bergauf. Nach einer kleinen Trinkpause, meinte Florian, ich sollte doch jetzt bitte hinter ihm laufen, auch da ahnte ich immer noch nichts. Der Weg wurde langsam immer schmaler. Da, wieder eine Murmeltier! Ich wollte gucken, verlor das Gleichgewicht und bin zur Felsseite in eine Distel gefallen. Oje, nochmal Glück gehabt! Nachdem alle Stacheln raus waren ging es weiter. Es fing langsam an zu regnen und wurde immer kälter. Die Vegetationsgrenze änderte sich, das Grün verschwand und es tauchten die Felsen auf. Da sollte ich rauf? Unser Aufstieg (ca. 35%) führte uns über schmale Felssteine, wovon einige auch ziemlich wackelig waren. Florian fragte mich, ob er mich anseilen soll. Ich sagte „nein“, denn ich wollte es alleine schaffen.
Wir machten immer wieder kleine Pausen und sahen nach einiger Zeit schon oben unser Ziel. Es sollte noch ungefähr 25 min. dauern bis wir oben sind. Ich merkte schon irgendetwas stimmte mit mir nicht. Meine Beine fingen an zu zittern und mir wurde schwindelig. Nach einer steilen Kurve konnte ich nicht mehr weiter. Ich setzte mich auf einen Felsen und weinte ganz bitterlich. Ich sprach mir immer wieder Mut zu und sagte zu mir „das ist das letzte harte Stück, komm reiß dich zusammen! „ nach einer Weile sagte Florian:“Komm Jana, weiter geht's!“ Und es ging weiter... Eine halbe Stunde später sind wir oben auf 3000 Meter Höhe angekommen. Es waren 6km auf 950hm, totaler Wahnsinn! Also wenn einer am 17.07.2009 um ca. 12Uhr einen Urschrei gehört hat, das war ich!

Jetzt spürte ich erstmal was für einen fürchterlichen Hunger ich hatte und wie k.o. ich war. In der Hütte war es sehr urig warm, die Käsespätzle schmeckten hervorragend, dann noch einen starken Kaffee und um 13:30 Uhr machten wir uns bei sehr starkem Wind auf unseren Abmarsch. Dieser sollte nicht so steil sein. Florian wich mir nicht mehr von der Seite. Ich sollte mir Zeit lassen und in Ruhe laufen.
Gegen 16Uhr fand bei den Radsportlern die feierliche Übergabe der Urkunden statt. Ich wollte doch so gern' dabei sein. In Gedanken war ich bei Karsten. Er hatte in dieser Woche 603km und 10312 Höhenmeter auf seinem Rad absolviert.

Auf ca. 2500hm fand ich einen Hühnergott. Ich hatte solche Steine früher an der Ostsee gefunden. Den nehm ich mir mit, der bringt mir Glück! Heute liegt der Hühnergott in meiner Steinsammlung im Wohnzimmer. Wir kamen an einem „Rosengarten“ vorbei, welcher aussah als wenn dieser nur für uns angelegt wurde. Mir ging es gut und unser Gasthaus war in Sicht. Dort angekommen wurde mir auf einmal bewusst: „Nun ist alles vorbei...“ Ich bestellte mir zur Feier des Tages ein Bier und ein Obstler und bedankte mich ganz feierlich bei Florian. Nur durch seine ruhige, vertrauensvolle Art und sein „logisch“ habe ich mein Ziel nach 76km und 4200hm erreicht.

Heute war italienischer Abend im Hotel, Karsten war schon beim Abendessen, denn wir kamen sehr spät ins Hotel. Ich war so kaputt, dass ich überhaupt keinen Hunger hatte. Ich bin heute psychisch an meine Grenzen gekommen, sowas kannte ich von mir noch gar nicht, obwohl ich schon so einiges in meinem Leben erlebt habe. So etwas wie die letzten sechs Tage aber noch nie. Es wurde jeden Tag immer noch eins drauf gesetzt.
Stolz wie Oskar holte ich am nächsten Morgen meine wirklich verdiente, silberne Wandernadel ab. Danach machten wir uns auf unseren Heimweg. Karsten und ich standen ziemlich lange im Stau, aber das machte uns nichts aus, denn wir beide hatten uns soooooooo viel von unseren Erlebnissen zu erzählen.

Es war für mich kein normaler Wanderurlaub, ich bin dort über mich so hinausgewachsen. Das Wandern in der fantastischen Bergwelt hat mir das Tor zu einer anderen Welt geöffnet. Es war in mir ein vorher verborgener Teil, den ich fand ohne zu wissen, dass ich ihn gesucht hatte.
Durch das Wandern bin ich an Grenzen gekommen und es wurde in mir etwas wachgerüttelt, was ich vorher noch nicht kannte. Es fällt mir schwer hier meine Gefühle in Worte zu fassen.
Ich merkte sehr schnell, das war noch nicht alles, da kommt noch was...!