Erlebnisbericht von Karsten: Ötztaler Radmarathon 238km 5500hm am 30.08.2009
Ein buntes Programm vor dem Start ließ die Minuten der Nervosität und Aufregung etwas kürzer werden. Ein Hubschrauber zog ein riesiges Ötztalmarathon-Trikot in den Himmel, ein Kran hatte ein großes Stahlrad am Haken auf dem akrobatische Kunststücke vollführt wurden und zwei Heißluftballons wurden gerade für den Start vorbereitet. Auf dem Dach der BP-Tankstelle spielten Musikanten und zahlreiche Reporter mit Fotoapparat und Filmkameras versuchten die Stimmung einzufangen.
Es war Gänsehautfeeling pur – einfach überwältigend. Mit einer mittelalterlichen Kanone wurde der Startschuss abgefeuert. Das riesige Fahrerfeld setzte sich in Bewegung.
Es gibt wohl kaum eine Radsportveranstaltung für Hobbyrennradler, die so berühmt und berüchtigt ist, wie der Ötztaler Radmarathon. Unzählige Geschichten werden darüber erzählt und sogar ein Eventbuch ist über den Ötztaler Radmarathon geschrieben worden. Ich hatte viele dieser Geschichten im Vorfeld gelesen und entsprechend großen Respekt hatte ich davor.
Das hatte zumindest dafür gesorgt, das ich mein Training in diesem Jahr sehr gewissenhaft plante und durchführte. Ein Trainingslager im Frühjahr auf Sardinien und ein Trainingscamp in den Alpen mit der Radsportlegende Wolfgang Fasching (links im Bild im Wiesbauer Trikot beim Anstieg zum Timmelsjoch) stand mit auf dem Trainingsprogramm. Mit genau 10250 Trainingskilometern und 97774 Höhenmetern seit Anfang des Jahres, sollte dann wohl auch genügend Grundlage da sein. Ich war optimistisch und steckte mir als Ziel eine Zeit unter 10h. Nun wurde es also ernst. Anreise am Samstag, noch schnell die Startunterlagen abholen, Startnummer anbringen und alle wichtigen Sachen schon mal zurechtlegen bzw. probeweise hinten in die Trikottaschen stopfen. Da ich selbst lange überlegt habe, was denn wohl die wichtigsten Sachen sind, hier die Aufzählung:
Zwei kurzärmlige atmungsaktive Funktionsunterhemden, zwei kurze Radhosen, das Einklang-Hennef Radtrikot, eine Windstopperweste, ultraleichte Baumwollfingerhandschuhe, Pannenpäckchen mit Ersatzschlauch und Miniwerkzeugtool, zwei 750ml Trinkflaschen und natürlich Rennradschuhe Socken, Schutzhelm, Pulsgurt und Garmin Fahrradcomputer. Für den Notfall (falls es doch regnen sollte) hatte ich mir eine Mülltüte mit Löchern für Kopf und Arme präpariert, die ich mir gegebenfalls unters Trikot ziehen konnte. Außerdem sollte das Handy und der Fotoapparat noch mit ins Trikot.
Für jede Trinkflasche hatte ich jeweils drei Löffel Maximkohlenhydratpulver mit Mineralien und Wasser vorgesehen. Als Hauptnahrungsquelle hatte ich mir 375g Johannisbeere Fruchtgummis (1185kcal) zurechtgelegt sowie zwei Flaschen mit jeweils 125ml Squeezy Kohlenhydratgel (685kcal). Zusammen mit den Kohlenhydraten in den Trinkflaschen und dem Frühstück im Magen sollten das in Summe etwa 2500kcal sein. Da der Körper pro Stunde nur etwa 250kcal Kohlenhydrate „verdauen“ kann und ich mit 10h Fahrzeit rechnete, brauchte ich also an den Verpflegungsstellen nur noch Flüssigkeit zu „Tanken“.
Ich hatte mir im Vorfeld auch lange überlegt, wie ich mir die Kräfte auf dieser doch sehr anspruchsvollen Strecke einteile. Im Juni hatte ich einen Gutschein für eine Leistungsdiagnostik als Geschenk zum Geburtstag bekommen. Als Ergebnis der Leistungsdiagnostik hatte ich nun eine Tabelle, in der genau stand, wieviel kcal Fett und wieviel kcal Kohlenhydrate ich bei welcher Leistung verbrannte und welche Pulsfrequenz ich dabei hatte. So konnte ich mir genau ausrechnen mit welchem Durchschnittspuls ich fahren kann um das Ziel zu erreichen ohne unterwegs den Heldentod zu sterben.
Nach knapp 41min hatten wir Ötz erreicht und der erste Anstieg aufs Kühtai wurde in Angriff genommen. Ein Blick auf den Tacho ließ mich kurz freudig lächeln, dort stand noch eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 46km/h. Das sollte sich jetzt allerdings schnell ändern. Mit rund 12km/h Durchschnittsgeschwindigkeit hatte jetzt das Sammeln der Höhenmeter begonnen und davon gibt es beim Ötzi wahrlich genug. Es geht nun durch eine Baustelle, der Asphalt fehlt und die 18% Steigung müssen im Sitzen gefahren werden, weil sonst das Hinterrad durchdreht. Eine Walze hatte einen Abend vorher Gott sei dank noch den Sand etwas festgefahren.
Das Kühtai lässt sich nicht besonders gut fahren, da die Steigungsprozente ständig wechseln, manchmal geht es so gar kurz bergab, damit es dann umso steiler wieder bergaufgehen gehen kann. Trotzdem geschafft, die Uhr zeigt 2:02:02h beim Überfahren der Passhöhe des Kühtai. Die Trinkflaschen sind zwar noch halbvoll, werden aber trotzdem noch schnell an der 1.Verpflegungsstelle aufgefüllt. Die Windstopperweste wird geschlossen da der Wetterbericht heute morgen für die Passhöhe nur +1°C angesagt hatte. Die Sonne ist jetzt dabei diese Situation etwas zu verbessern, aber die Abfahrt fühlte sich trotzdem verdammt kalt an. Ein Streckensicherungsposten versucht noch schnell ziemlich erfolglos eine Kuh von der Straße zu scheuchen – Kühtai eben.
Vor dem ersten Teilstück Sölden-Ötz hatte ich besonderen Respekt, weil es im dichtgedrängten Fahrerfeld zunächst nur bergab ging und mir in den Engstellen die Sturzgefahr besonders hoch erschien. Um das Rennen am Anfang etwas zu entschärfen, sollte es erst nach der gefährlichen Tunneldurchfahrt freigegeben werden. Außerdem stand vor jeder Verkehrsinsel eine Feuerwehr mit Blaulicht, die weit sichtbar war – einfach unglaublich welch hoher Aufwand hier für die Sicherheit der Fahrer getrieben wurde. Bei der Anfahrt auf den Tunnel stockte erwartungsgemäß das Fahrerfeld und jemand rief laut „jedes Jahr die selbe Schei…..“. Die Tunneldurchfahrt trieb mir nicht nur wegen der Kälte eine Gansehaut auf Arme und Rücken. Die Abrollgeräusche der vielen hundert Rennradreifen waren im Tunnel gigantisch laut – und sorgten deshalb schon wieder für Gänsehautfeeling.
Ich glaube ich habe in der Vorbereitung viel zu viel nachgedacht und war jetzt einen Abend vor dem großen Tag unglaublich nervös und aufgeregt. Entsprechend unruhig habe ich dann in der Nacht geschlafen. Um 3.50 Uhr wurde ich dann 10min vor dem Weckerklingeln von selbst wach und musste vor lauter Aufregung erstmal auf die Toilette. Umso besser dachte ich, wenn ich so noch jedes überflüssige Gewicht loswerden kann. Ab 4.15 Uhr gab es bereits Frühstück im Hotel Sölderhof. Das Hotelpersonal war trotzt der frühen Morgenstunde unglaublich nett und hilfsbereit, beim Essen gab es alles was das Radlerherz begehrt – einfach großartig. Gerne hätte ich in Ruhe alles durchprobiert, ich beschränkte mich dann aber auf vier Brötchen mit Honig und Marmelade, Orangensaft und Kaffee.
So nun noch die zurechtgelegten Sachen in die Trikottaschen stopfen, die Reifen aufpumpen und ab zum Start. Dort war bereits Volksfeststimmung. Von den 4000 Startern standen 45min vor dem Start wohl schon 3000 auf ihren Plätzen. Soweit man schauen konnte alles voller Rennradfahrer, die erwartungsvoll, freudig oder auch nachdenklich dem Start entgegensahen.
Nachdem die Streckenabschnitte mit den umherlaufenden Kühen passiert sind, geht es jetzt mit bis zu 94km/h schnell die Abfahrt hinunter und weiter mit rasantem Tempo in Richtung Innsbruck. Das was oben im Bild so aussieht wie eine geschwollene Wange, sind in Wirklichkeit die Fruchtgummis, die ich auf der Abfahrt versuche zu kauen. Da ich an steilen Anstiegen nur Zeit verlieren kann nutze ich nach der Abfahrt den relativ flach ansteigenden Brenner um Zeit zu gewinnen. Mit 30,2km/h Durchschnittsgeschwindigkeit geht es von Innsbruck aus den Brennerpass hinauf. Es geht vorbei an der Bergisel Schanze, von der Europabrücke springt gerade ein Wahnsinniger in die Tiefe (an einem Bungee Seil). Dieser Wahnsinnige hatte sich vor dem Sprung wahrscheinlich auch gerade gefragt was die 4000 Wahnsinnigen auf dem Fahrrad dort wohl treiben. Es ist also immer etwas los auf der Strecke.
4:04:25h sitze ich nun im Sattel und erreiche den Brennerpass. Hier werden die Flaschen aufgefüllt und weiter geht es bergab bis zum Fuße des nächsten Berges. Hinauf zum Jaufenpass sind die Steigungen schön gleichmäßig, aber die „gefühlte Steilheit“ nimmt immer mehr zu. Kurz vor der Passhöhe des Jaufen muß ich mich dann schon das erste mal richtig quälen. Ich beschließe an der Labestation, so wie die Verpflegungsstellen hier liebevoll genannt werden, eine kurze Pause zu machen, um ein Stück Kuchen zu essen.
Die Abfahrt vom Jaufenpass ist nicht gerade einfach, an Erholung beim Bergabfahren ist nicht zu denken.
Die engen Serpentinen verlangen höchste Aufmerksamkeit. Die Bremsen müssen Schwerstarbeit leisten, Finger und Armmuskeln schmerzen vom ständigen Betätigen der Bremshebel.
Plötzlich taucht hinter der Kurve ein Streckenposten auf, der uns mit Handzeichen warnt langsam zu fahren. 100m weiter noch mal ein Warnhinweis und dann zwei Rettungswagen. Später erfahre ich, das dort jemand über die Leitplanke hinausgeschossen ist.
Schon auf den ersten Kilometern merke ich, das dieser Berg etwas ganz besonderes ist. Der Tacho zeigt jetzt immer seltener eine zweistellige Zahl an. Der Kilometerzähler scheint sich überhaupt nicht mehr zu bewegen. Ich schaue jetzt nur noch auf den Höhenmesser - hier ist etwas mehr Bewegung zu erkennen. Nur nicht vorstellen wie weit es noch bis zur Passhöhe ist. Das nächste Zwischenziel ist die jeweils nächste Kehre.
180km und 3500hm liegen hinter uns. Eigentlich wäre das, selbst bei der Tour de France, allein schon eine richtig schwere Königsetappe. Da das hier aber der Ötztaler Radmarathon ist, fängt hier das Rennen in Wirklichkeit erst richtig an. Die Bergmassive rund um das Timmelsjoch liegen majestätisch vor uns. Auf der ca. 30 km langen Auffahrt müssen jetzt fast 1800 Höhenmeter überwunden werden. Es gibt wohl keinen Pass in den Alpen, der eine noch größere Herausforderung wäre. Das Höhenprofil zeigt deutlich, das es jetzt richtig ernst wird.
Ich versuche positiv zu denken. Die Temperaturen sind mittlerweile angenehm warm, die Fernsicht ist einfach nur genial. Immer wieder gibt es Zuschauer an der Strecke, die uns mit Anfeuerungsrufen unterstützen. Ich fange an den Berg so richtig zu "genießen".
Ich hole meinen Fotoapparat aus der Trikottasche und mache ein paar Fotos. Die Anstrengung beim Bergauffahren ist hier gut zu erkennen:
Der Berg muß wohl endlos sein. Ich mache den Fehler und schaue nach oben. Nach den Kehren scheint die Straße im Winkel von 45° emporzusteigen. Ich nehme schon mal etwas Geschwindigkeit raus, weil ich Angst habe da überhaupt nicht mehr hochzukommen. Ich halte kurz an um noch ein Foto zu machen. 199,4km und 4652 Höhenmeter stehen auf dem Tacho und immer noch keine Passhöhe zu sehen.
Auch der längste Berg ist irgendwann geschafft. Nach einer Gesamtfahrzeit von 9 Stunden 5 Minuten und 36 Sekunden erreiche ich eine Höhe von 2509m und damit die Passhöhe des Timmelsjoch. Hier oben ist es doch trotzt Sonnenschein ziemlich kalt. Ich streife mir meine Windstopperweste über und es geht mit rasanter Geschwindigkeit das Timmelsjoch hinunter. Die Straße ist hier gut asphaltiert und übersichtlich - hier kann man mal "rollen" lassen. Nachdem der Tacho verdächtig nah an die 100km/h Marke herankommt, muss ich wieder etwas abbremsen, um nicht auf die Fahrer vor mir aufzufahren. Mit 97,3km/h wird hier dann auch die Höchstgeschwindigkeit des heutigen Tages erreicht.
Die Geschwindigkeitsorgie dauert nicht lange, nochmal stellt sich eine äußerst unangenehme Gegensteigung in den Weg. Es sind nochmal etwa 170 Höhenmeter bis zur Mautstation zu überwinden. Normalerweise kein Problem, aber irgendwie hatte wohl jeder schon gedacht am Timmelsjoch ist Schluß mit dem Bergauffahren. Dieser kleine unscheinbare Pickel im Höhenprofil fordert noch mal zum letzten Kampf heraus.
Fast geschafft !! - nur einmal noch gibt es auf dem Weg nach Sölden eine kleine Bergaufpassage. Dann geht es sehr schnell auf die Zielgerade.
Mein Traum ging in Erfüllung. Der Satz auf der Urkunde beschreibt kurz aber sehr treffend die Gedanken beim Überfahren der Ziellinie. Ich hatte mein Ziel erreicht. Ich wollte den Ötztalmarathon in weniger als 10 Stunden fahren und hatte es geschafft.
Es war ein eindrucksvolles Erlebnis. Es wird wohl noch Wochen dauern, alle diese schönen Eindrücke und Erlebnisse rund um den Ötztaler Radmarathon zu verarbeiten. Er war schwer aber unglaublich faszinierend...