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Erlebnisbericht von Jana:
Laut dem Internetlexikon WIKIPEDIA hat sich der Mont Ventoux zu einem der legendärsten Gipfel der Tour de France entwickelt und gehört mit dem Col du Galibier, dem Col du Tourmalet und L'Alpe d'Huez zu den „heiligen Bergen“ der Frankreich-Rundfahrt.
Neben der schweren Steigung soll der Mont Ventoux bei den Radrennfahrern vor allem wegen seiner kahlen Kuppe gefürchtet sein, da im Sommer eine mörderische Hitze mit einem starken Wind vorherrscht.
Außerdem soll der Berg auch vielen Radamateuren zum Verhängnis werden: jährlich sterben nach Angaben der örtlichen Behörden ca. 10-20 der sich am Berg versuchenden Sportler durch Überforderung oder Unfälle.
Diese Gruselgeschichten hatte mir Karsten noch am Abend vorher erzählt und entsprechend unruhig hatte ich die Nacht geschlafen. Ich wollte mich natürlich auf gar keinen Fall einschüchtern lassen und war fest entschlossen den Mont Ventoux mit dem Fahrrad hochzufahren.
Mont Ventoux 2007
Naja ich war schon froh, das Karsten an meiner Seite war.
Nach einem ausgiebigen Frühstück starteten wir vom Hotel Les 3 Colombes. In diesem Hotel hatten auch schon Radsportgrößen wie Alexander Winokurow übernachtet.
Auf relativ flachem Gelände ging es nun zunächst mal bis zum Fuß des Berges.
Schon aus 40 Kilometern Entfernung war die weiße Spitze dieses Giganten zu erkennen.
Ich hatte das Ziel schon vor den Augen, wenn auch noch weit entfernt.
Noch war ich ganz ruhig und mein Puls schlug im normalem Bereich.
Doch schon kurz nach dem Kreisverkehr mit Radsportlerdenkmal erreichten wir Bedoin.
Nun wurde es ernst. Der beschwerliche Anstieg zum Mont Ventoux hatte begonnen.
Obwohl wir schon 20 Kilometer zurückgelegt hatten ist die weiße Spitze des Ventoux kaum größer geworden.
Mit uns zusammen quälten sich Hobbyradsportler aus allen Nationen den Berg hinauf.
Es war wohl so etwas wie eine Pilgerstätte. Viele Radsportler suchten und fanden in diesem Anstieg ihre große Herausforderung.
Nicht alle hatten sich aber gut genug vorbereitet. Schon nach wenigen Kilometern trafen wir auf einen Amerikaner, der schon völlig erschöpft auf einem Baumstamm saß und kopfschüttelnt sagte:
"It's soooo difficult".
Oh je, ob es mir wohl auch bald so ergehen wird ?. Langsam stieg meine Aufregung - mein Puls schlug jetzt schon um die 170 Schläge pro Minute.
Jede Menge grüner Fliegen, die ständig am Mund , den Ohren und überhaupt überall waren, hinderten mich daran meinen Rhytmus zu finden.






Schon wieder ein Schild. Ich wollte im Moment gar nicht wissen, wieviel Kilometer es noch sind. Ich spürte förmlich die 9% in meinen Beinen und mußte es nicht noch lesen. Ich quälte mich jetzt schon ganz enorm. Die Temperatur lag zwar nur bei 26°C aber mein Kopf glühte. Hier im Wald regte sich kein Lüftchen und dann immer wieder diese lästigen Fliegen. Nun hieß es Zähne zusammenbeißen - nicht nur wegen den Fliegen.
Hurra der schwere Abschnitt durch den Wald ist zu Ende und die Fliegen sind weg. Die weiße Spitze des Gipfels zeichnete sich schon etwas deutlicher ab. Das gab mir Kraft und verleitete mich kräftiger in die Pedale zu treten. Karsten kam dann immer mit seinem Satz: "Jana bleib in deinem Rhytmus."
Wir befanden uns bereits auf 1441 Metern Höhe - noch 6 Kilometer bis zum Gipfel. Die Jungs aus unserer Gruppe hatten mich verückt gemacht, das hier der schwerste Teil beginnt. Meine Beine schwer wie Blei, meine Füße schmerzten in den Pedalen - was sollte da jetzt noch auf mich zukommen.
Der tolle Ausblick von hier oben war gigantisch und ließ mich meine Schmerzen vergessen. Ständig fragte ich Karsten: "Wann kommt denn nun das schwere Stück ?" - "Das werden wir sehen", meinte er nur.
Die weiße Spitze war endlich klar und deutlich als Turm zu erkennen. Trotzdem sind es noch 2 lange Kilometer bis zum Gipfel.
Eine junge Radlerin aus Frankreich, die sehr gut Deutsch sprechen konnte, war so nett Karsten und mich mal zusammen zu fotografieren - Vielen Dank !
Das Ziel scheint zum Greifen nah. Alle Strapazen sind verflogen und ich fahre unheimlich stolz dem Ziel entgegen. Ich rufe Karsten zu "Mir geht es gut" .
Karsten versucht meine Euphorie etwas zu dämpfen und sagt: "Noch sinds ein paar Meter".
Jetzt wußte ich was Karsten meinte. Hinter der Kurve lauerte noch mal eine extrem steile Rampe. Es konnte mich aber nichts mehr aufhalten auch keine 20% Steigung. Ich sah nur noch die Ziellinie und weiß bis heute nicht mehr wie ich die letzte Steigung gefahren bin.
Wie von Geisterhand angetrieben kurbelte ich das letzte Stück hinauf und freute mich diesen gigantischen Berg bezwungen zu haben. Ihr glaubt gar nicht, was ich auf der Ziellinie für einen lauten Freudeschrei raus ließ.
Die Leute, die mit dem Auto hoch gefahren waren, freuten sich mit mir. Einer fragte mich: "Sind sie den ganzen Berg hochgeradelt?" - voller Stolz sagte ich "Jaaa !". Man war ich glücklich.
Unter dem Ventoux-Schild holte ich mir dann erst mal meine Belohnung ab. So eine Radtour schmiedet zusammen. Es war ein bewegender Moment.
Von oben bot sich eine ausgezeichnete Fernsicht. Wir konnten wohl mehr als 100km in die Ferne sehen. Auch war es interessant von oben zu beobachten, wie sich immer wieder neue Radsportler die Straße hinaufschleppten. Klein wie Ameisen sahen sie von oben aus. Es war ein einmaliges Erlebnis. Glücklicherweise hatte der "Berg des Windes" seinen Namen heute keine Ehre gemacht. Es kommt wohl sehr selten vor, das es so windstill wie heute auf dem Mont Ventoux ist.
Nach einer langen Abfahrt konnten wir den Berg noch einmal aus der Ferne bewundern. Ich verstehe jetzt warum er so viele Leute magisch anzieht...
Mont Ventoux
79km 1820hm