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Erlebnisbericht von Karsten: Alpentour Genf-Nizza 800 Kilometer 17300 Höhenmeter
2003 hatte ich die Freude am Rennradfahren neu gewonnen und sehnte mich jetzt nach einer neuen sportlichen Herausforderung. Im Radsportmagazin Tour entdeckte ich mit Jana einen Bericht über die Überquerung der französischen Alpen in 6 Tagen mit dem Rennrad. Jana sagte: "Wenn wir zusammen daran teilnehmen, dann könnte ich den Jungs vielleicht die Beine massieren."
Gesagt, getan - wir meldeten uns zusammen an.
Alpentour Genf-Nizza 2005
Am 25.07.2005 ging es dann los - noch ein kurzer Blick auf das Höhenprofil und die Strecke und schon radelten 11 Radsportler wie von der Leine gelassen los. Die Veranstaltung war eigentlich kein Rennen, sondern sollte in erster Linie dem Entdecken der Natur dienen - trotzdem wurde gleich nach dem Start in Annemasse ein hohes Tempo gefahren.
Der erste Pass, der Col de la Ramaz 14,3km lang und 1559m hoch, wurde mit Vollgas erklommen. Der Radprofi Richard Virenque brauchte bei der Tour de France dafür nur 00:40:35h - unbegreiflich...
Trotzt Vollgas und Puls bei 186 Schlägen pro Minute habe ich fast doppelt so lange gebraucht: 01:12:40h. Jetzt wurde mir das erste mal richtig klar, welche übermenschlichen Leistungen die Radprofis bei solchen Alpenetappen erbringen müssen.
Noch etwas ist mir klar geworden: Nach diesem ersten Pass war ich schon total am Ende meiner Kräfte. Ich wusste eigentlich garnicht mehr, wie ich noch den zweiten Pass am heutigen Tag, den Col de Joux Plane, hoch kommen sollte. Eine Steigung von 11,6km Länge mit 989 Metern Höhendifferenz auf eine Höhe von 1700Metern mit durchschnittlich 8,5% Steigung. Jetzt war nur noch durchhalten wichtig.
Im Windschatten von Olaf (vorn im Bild) versuchte ich etwas Kraft zu sparen. Nach 05:27:20h Fahrzeit habe ich dann am ersten Tag das Ziel in Morzine völlig erschöpft aber überglücklich erreicht.

Am zweiten Tag ging es von Morzine über den Col de la Colombiere, den Col de la Croix -Fry und den Col des Aravis nach Les Saizies.
Ich hatte dazu gelernt und teilte mir diesmal die Kräfte etwas besser ein. Besonders der Anstieg zum Col de la Colombiere (links im Bild) war landschaftlich sehr schön und entschädigte mich so genügend für die Strapazen.
Auf dieser Etappe waren 120km zurückzulegen. Eigentlich kein Problem sollte man meinen. Bei 3268 Höhenmetern, die es ebenfalls zu überwinden galt, bekommen 120km jedoch eine ganz andere Bedeutung.
Die Fahrzeit war mit 06:58:00 etwas länger als bei der ersten Etappe. Das war auch in Ordnung so - denn die richtig großen legendären Tour de France Alpenpässe lagen ja noch vor uns.
Im Ziel in Les Saizies auf 1650m Höhe erwartete uns das wohl schönste Hotel unserer Alpentour - das Hotel "Le Galgary".
Zum Start der 3.Etappe hatten wir herrliches Wetter, einen strahlend blauen Himmel und eine unbeschreiblich schöne Natur zu erwarten.
Es ging an einem wunderschönen Gebirgssee vorbei, hoch auf 2000m Höhe, zum Cormet de Roselend. Das war die richtige Landschaft um für die morgige Königsetappe genügend Kraft zu schöpfen.
Die Königsetappe: Moutiers - Valloire 153 Kilometer 4485 Höhenmeter
Das ist das Höhenprofil der Königsetappe. Um die Dimensionen einmal klar zu machen: Die blaue Linie links unten im Bild ist das Höhenprofil einer auch sehr anstrengenden Tour durch das Siebengebirge. In der Mitte der blauen Linie befindet sich der Petersberg bei Bonn - und alles im selben Maßstab !
Jana hatte mir am Abend zuvor erstklassig die Beine massiert - was sollte jetzt noch schiefgehen ? Um 08:00 Uhr früh ging es los. Ich fühlte mich gut und kurbelte gleichmäßig und zügig den längsten Anstieg der Tour zum Col de la Madeleine hinauf. Nach gut einer Stunde Fahrt überholte mich unser grünes Begleitfahrzeug. Eine weitere halbe Stunde später hatte ich das erste große Schlüsselerlebnis:
Ich sah ein riesiges Bergmassiv vor mir und oben auf dem Bergmassiv einen winzigen grünen Punkt - unser Begleitfahrzeug. Der Gedanke, das ich da oben mit dem Fahrrad hinauf sollte, erzeugte bei mir trotzt hochsommerlicher Temperaturen eine Gänsehaut.

Nur gut, das nicht immer zu sehen ist wie lang der Anstieg noch ist. So kämpfe ich mich von Serpentine zu Serpentine und sehe auf meinem Höhenmesser langsam aber sicher die 2000m Marke näher kommen. Auf dem letzten Stück holt mich Walter ein. Ich hänge mich an sein Hinterrad - habe aber Schwierigkeiten dranzubleiben. Gemeinsam fahren wir dann die letzten 200m in Siegerpose zum Gipfel des
Col de la Madeleine.
Petersberg
Höhe 350m
l
Col de la Madelaine
Höhe 1993m
(27,5km 1582hm)
Glandon/Croix de fer
Höhe 2067m
(26,5km 1626hm)
Col de la Umleitung
Höhe 1610m
(9,5km 423hm)
Col de Telegraph
Höhe 1566m
(11km 854hm)
Nach einer rasanten Abfahrt wartete auch schon der nächste legendäre Tour de France Alpenpass auf uns der Col du Glandon. Nach meinem persönlichen Empfinden war dies der schwerste Anstieg der gesamten Tour. Auf den letzten Kilometern winden sich die Serpentinen mit Anstiegen bis zu 14% zum Gipfel hinauf.
Irgend einer hat mal gesagt, wenn du nicht mehr kannst, dann hast du erst 30% Deiner Leisungsresere ausgeschöpft. So muss es wohl gewesen sein, denn ich fuhr immer noch weiter. Es war so als ob ich durch ein Tor in eine neue Leistungsreserve hineingefahren war - ich hatte den Willen am Ziel anzukommen !
Mein HAC4-Fahrradcomputer zeigte ausgerechnet heute bei der Königsetappe eine Spitzentemperatur von +38°C an. Das war natürlich eine zusätzliche Belastung für den Körper. Es waren aber irgendwie schöne Strapazen so komisch es klingt. Wenn ich das schaffe dann kann mich so schnell nichts mehr umhauen - das war die Überzeugung die mir Kraft gab.

Vom Col du Glandon zum Croix de Fer waren es nur noch 2,5km und 143 Höhenmeter - vergleichsweise eine Erholung. Diese war auch dringend nötig, denn es wartete eine Überraschung auf uns. Der Tunnel den wir nach der Abfahrt durchqueren wollten, war gesperrt. Deshalb mussten wir den "Col de la Umleitung" zusätzlich überwinden. Das waren 9,5 Kilometer und knapp 500 Höhenmeter zusätzlich in Kombination mit der Hitze eine enorme Herausforderung. Das war auch der Anlass für einige unserer Leute ins Begleitfahrzeug einzusteigen und aufzugeben. Naja es sollte ja ein Urlaubsevent sein und kein Profirennen. Ich hatte allerdings keine Lust jetzt schon aufzugeben, sondern wollte mich weiterhin Richtung Ziel mit dem Fahrrad bewegen.

Der Col de Telegraph stand noch auf dem Programm - er war jetzt kein großer Gegner mehr. Die Temperatur hatte erträgliche Werte angenommen und dennoch brauchte ich diesen Moment der Besinnung. Ich fuhr rechts ran setzte mich in den Wald, aß einen Riegel, trank eine Wasserflasche leer und erfreute mich an dieser unbeschreiblich schönen Natur. Nur 10 Minuten gaben mir für die letzte Stunde der heutigen Königsetappe genügend Kraft um ins Ziel zu kommen. Der Gedanke, das sich hier die Profis der Tour de France schon lang gequält haben, gab einen zusätzlichen Motivationsschub. Nach einer Fahrzeit von 09:35:25h wurde ich dann am Zielort in Valloire von Jana mit der Kamera kurz vor dem Hotel zur Post empfangen.



Beim Treppen hinablaufen im Hotel am nächsten Morgen, konnte ich mir beim besten Willen nicht mehr vorstellen gleich noch so eine Alpenetappe zu fahren. Heute wartete mit 2645m Höhe der zweithöchste Pass - der Col du Galibier auf uns. Naja auf dem Fahrrad sah die Welt dann schon wieder etwas besser aus. Ich konnte wider Erwarten den Galibier gut hochfahren- zumindest bis ein kleines Unwetter durchzog. Es war ein nachhaltiges Erlebnis. Innerhalb weniger Minuten kühlte es sich gewaltig ab - es fühlte sich an wie im Winter.
Auf der Abfahrt vom Galibier hatte ich das erste mal richtig Angst. In der ersten Serpentine rutschte mir das Hinterrad weg. Wenig später schubste mich eine Windböe mal eben so zwei Meter zur linken Seite. Glücklicherweise ist nichts passiert - es war weiterhin größte Vorsicht geboten. Ich glaube diese Erlebnisse sind notwendig, damit auch weiterhin der nötige Respekt vor den Abfahrten erhalten bleibt.
Die sechste und letzte Etappe von Vars nach Nizza hatte dann noch gleich zwei Rekorde zu bieten:
Es stand der höchste Pass Europas auf dem Programm und diese Etappe war gleichzeitig mit 172km die längste Etappe der Alpentour.
Der Col de la Bonette war mit 2802m zwar sehr hoch und auch ziemlich lang, ließ sich aber gut fahren.
Jana wartete schon oben mit der Kamera in der Hand auf mich. Das gab mir immer sehr viel Kraft.
Der folgende 21,5km lange Anstieg zum Col d'Izoard auf 2360m Höhe sorgte dann wieder für etwas Erwärmung.
Der Spruch auf der Straße "Jan Quäl Dich Du Sau" passte irgendwie ganz gut zur Situation.
Nach einer sehr langen Abfahrt war dann noch die erste Hälfte des Col de Vars zu bewältigen, so ca. 600 Höhenmeter bis zum Ziel in Vars.
Der Blick von Europas höchsten Pass war fantastisch. Es war so, als ob uns die ganze Welt zu Füßen lag. Als Lohn für die Anstrengungen winkte jetzt eine 120km lange Abfahrt zum Mittelmeer und in Nizza ein Sektempfang.
Eine landschaftlich sehr schöne und erlebnisreiche Alpentour, die mit Worten und Bildern wahrscheinlich nur ansatzweise wiedergegeben werden konnte...